Betreuungsstellen - Auslandsmaßnahmen



Projektstelle Nordschweden

Standort

Der Hof liegt nördlich von Burträsk in Nordschweden. Es wird Platz für bis zu zwei männliche Jugendliche in einem gemütlichen Haupthaus mit drei Schlafzimmern, einem Gemeinschaftsraum, Küche und zwei Bädern angeboten. Zusätzlich befindet sich ein weiteres Wohnhaus mit einem Wohn-/ und Schlafzimmer, Küchenzeile und Bad auf dem Grundstück. Dies kann als Ausweichmöglichkeit oder zur Vorbereitung / Training auf die Verselbstständigung genutzt werden. Dem Jugendlichen steht ein eigenes Zimmer zur Verfügung.
Auf dem 40 ha. großen Waldgrundstück befindet sich ein eigener Brunnen, eine vollausgestattete Werkstatt und ein Stall. Ponys, Hunde und Hühner leben ebenfalls auf dem Hof und können Bestandteil der pädagogischen Arbeit sein. Hier ist ausreichend Platz vorhanden für Fußball spielen, Buden bauen, Natur erkunden, Outdoor-Aktivitäten etc. oder einfach nur die Stille und Ruhe erleben. Der nächste Nachbar ist ca. 1 km entfernt. Die Umgebung ist reizarm und weit ab von Ablenkungen deutscher Städte.
In Burträsk befinden sich ein Lebensmittelgeschäft, eine Bank, diverse Arztpraxen, ein Bahnhof und ein Baumarkt. Die Jugendlichen können in Burträsk zur Schule gehen. Hier gibt es einen Sportverein, der Kursangebote für verschiedene Interessen anbietet.
Alkoholische Getränke können in Schweden von jungen Erwachsenen ab 21 Jahren erworben werden, diese sind allerdings nicht in einem Lebensmittelfachgeschäft erhältlich, sondern in einem Spirituosenladen (Systembolaget). Desweiteren sind die Schweden sehr streng in Bezug auf die Ausweiskontrollen, so dass es für minderjährige Jugendlichen nahezu unmöglich ist, an Tabak-/ Alkoholwaren zu gelangen. Es gibt keinen Spirituosenladen in Burträsk.
Der nächste Flughafen liegt im ca. 150 km entfernten Umeå, der vom internationalen Flughafen von Stockholm aus angeflogen wird.
Im Sommer gibt es verschiedene Badestellen mit Angel bzw.Kanumöglichkeiten. Im Winter nutzt man die Zeit für Wintersportarten z.B. Eishockey, Ski- und Schlittenfahrten. Des weiteren bieten die Betreuer erlebnispädagogische Reiseprojekte innerhalb einer längerfristigen Unterbringung zum Nordkap an, aber auch als eigenständige Maßnahme.
Das Angebot richtet sich an bis zu zwei Jugendliche (m), die in familiärer Umgebung einen strukturierten und verläßlichen Alltag benötigen. Die individuellen Bedürfnisse und Möglichkeiten des Einzelnen werden hier berücksichtigt und angepaßt.

Gesetzliche Grundlagen
Das individual- und erlebnispädagogische Betreuungsangebot ist ein zusätzliches Angebot im Regelhilfesystem der Jugendhilfe und richtet sich auch an Jugendliche in besonderen Krisensituationen. Es ist ein Regelplatzangebot mit einem Betreuungsschlüssel von 1:1. Es beruht auf der Rechtsgrundlage des Kinder- und Jugendhilfegesetzes der §§ 27 i.V.m. §§35, 41 als individualpädagogisches Projekt.Die pädagogisch veranlasste Hilfe verfolgt die in dem Hilfeplan nach § 36 SGB VIII definierten sozialpädagogischen Ziele. Ein Antrag gemäß Brüssel IIa ist vom belegenden Jugendamt zu stellen. Die Aufnahme in das Standprojekt erfolgt nach entsprechender Zusage. Die Durchführung eines Reiseprojekts vorab im Rahmen einer Clearingphase ist möglich.

Die Betreuer

Die individualpädagogische Maßnahme wird von einem deutschen Betreuerpaar angeboten.
Der 1980 geborene Betreuer verfügt neben seinen Ausbildungen zum staatlich anerkannten Erzieher und Zusatzausbildung zum Traumapädagogen über mehrjährige Erfahrungen im Bereich der stationären Jugendhilfe.
Die Betreuerin (*1984) ist eine erfahrene Erzieherin und beginnt in Kürze eine Zusatzausbildung zur Psychotherapeutin.
Beide verfügen über zahlreiche Kompetenzen in den Bereichen der Tierhaltung, Selbstversorgung, Umgang mit natürlichen Ressourcen, Rekultivierung von genutzten Flächen und vorausschauender Tätigkeitsplanung in Abhängigkeit der Jahreszeiten. Sie sprechen Deutsch, Schwedisch und Englisch und sind Eltern eines gemeinsamen Sohnes (*2006), der ebenfalls auf dem Hof lebt. Zwei kinderliebe Hunde begleiten die Familie.
Bei Bedarf können zusätzliche Entlastungskräfte hinzugezogen werden.

Zielgruppe

Die Maßnahme richtet sich an Jugendliche ab etwa 12 Jahren, in Einzelfällen auch an junge Volljährige, die eine längerfristige Auszeit aus ihrem derzeitigen Lebensumfeld benötigen, um sich neu zu orientieren. Hier kann die Distanz und somit Trennung vom bekannten und vertrauten Milieu in einer fremden Umgebung sowie die sprachliche Barriere eine Chance darstellen.
Durch die Fremdheit der Sprache, Kultur und das Leben in der Natur, orientieren die Jugendlichen sich enger an die Betreuungspersonen. Es werden neue Möglichkeiten entdeckt, sich einen besseren emotionalen Zugang zu seinen Mitmenschen zu erarbeiten.
Diese Betreuungsform ist geeignet für Jugendliche, deren Entwicklungsstand vielfältig gestört ist und/oder deren gesellschaftlich unerwünschtes Verhalten gravierend ist und/oder wenn die Erziehung und Entwicklung trotz ergänzender Hilfen im Herkunftsmilieu nicht sichergestellt ist (häufige Entweichungen, Drogengefährdung, hohe Kriminalität, negativer Einfluss durch Peergroups).

Die Maßnahme ist nicht geeignet für Jugendliche:

  • mit geistiger und/ oder körperlicher Behinderung
  • mit einer Pflegestufe
  • Tierquäler
  • Brandstifter

Methodische Umsetzung

Geboten wird eine kontinuierliche, individual- und erlebnispädagogische Betreuung innerhalb eines stabilen Familiensystems ohne Gruppendruck und wechselnden Mitarbeitern.
Die Jugendlichen werden durch partizipative Beziehungsarbeit und eigen-/ selbständig getroffene Entscheidungen darin unterstützt, ihre Ressourcen zu erkennen, ihr Selbstwertgefühl zu steigern und sich realistisch einzuschätzen.
Sie werden an eine strukturierte Alltagsbewälltigung in einem überschaubaren Rahmen herangeführt. Das Projekt wird traumapädagogisch begleitet und fördert die Jugendlichen in ihrer psychischen, physischen und sozialen Stabilisierung. Innerhalb des Betreuungszeitraums sind zwei unterschiedliche Beschulungsformen möglich, zwischen denen unter Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse gewählt werden kann. Zum einen ist eine Beschulung durch die Schule vor Ort zu jedem Zeitpunkt gewährleistet, zum anderen kann die Zusammenarbeit mit der „Flex Fernschule“ hergestellt werden.
In Schweden besuchen die Kinder von der 1. bis zur 9. Klasse die Grundschule, danach wechseln sie für bis zu drei Jahren auf das Gymnasium. Dort gibt es verschiedene Ausbildungsprogramme, in denen die Jugendlichen auf das Arbeitsleben vorbereitet werden. Nach dem Gymnasium können die Jugendlichen, abhängig von ihren Abschlusszeugnis, an verschiedenen Universitäten studieren.

Pädagogische Ziele

  • Steigerung des Selbstwertgefühls
  • Stärkung der Resilienz
  • Verbesserung des Kohärenzgefühls
  • Förderung des Selbstwirksamkeitsgefühls
  • realistische Selbsteinschätzung
  • Erkennen der persönlichen Ressourcen
  • entwickeln von lebenspraktischen Kompetenzen (Selbstfürsorge)
  • Natur- und Tierschutz
  • Förderung handwerklicher, intellektueller, sportlicher und musischer Fähigkeiten
  • Förderung der psychosozialen, emotionalen, kognitiven und körperlichen Entwicklung
  • Vermittlungen von neuen Lern- und Grenzerfahrungen
  • Verbesserung der Beziehung zur Herkunftsfamilie/ Ambivalenzen auflösen
  • Biografiearbeit
  • wenn sinnvoll, Rückkehr in die Herkunftsfamilie, Beheimatung an einem neuen Lebensmittelpunkt oder Verselbständigung

„Der Weg ist das Ziel“.

Damit sich die kindliche/ jugendliche Psyche gesund entwickeln kann, bedarf es einer Umgebung, die den seelischen Bedürfnissen des Jugendlichen gerecht wird.
Das Ziel ist, tiefstes Interesse und damit lebhafte und andauernde Aufmerksamkeit zu wecken. Die Jugendlichen lernen, mit Selbstständigkeit eigenständig zu werden.
Dies unterstützt sie, ihre Fähigkeiten zu entdecken und die eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Das dörfliche Leben ist einfach und übersichtlich. Werte wie z.B. Hilfsbereitschaft unter Nachbarn sind hier wichtige Elemente des Zusammenlebens.

Elternarbeit

Elternarbeit wird bedarfsorientiert angeboten und wird in Form von Besuchs- und Telefonkontakten zwischen Eltern und Jugendlichen sowie als niederschwelliger Austausch zwischen Betreuern und Eltern genutzt, um dabei -nach Möglichkeit- die Eltern in wichtige Entscheidungen der Zukunftsplanung der Jugendlichen miteinzubeziehen. Der Ansatz der Lebensweltorientierung und Identitätsentwicklung in der Aufarbeitung vergangener Beziehungspunkte sind Bestandteil der Arbeit.
Die Herkunftsfamilie kann durch wichtige Informationen im Rahmen der Biografiearbeit und durch eine förderliche Zusammenarbeit zu der positiven Entwicklung der Heranwachsenden beitragen. Im Falle unterschiedlicher Vorstellungen oder bei Konflikten kann die Koordinatorin vermittelnd oder beratend hinzugezogen werden.

Beschwerdemanagement

Die Jugendlichen kennen ihre Beteiligungs- und Beschwerdemöglichkeiten und können diese aktiv ausüben. Mit einer offenen und zielgerichteten Haltung der Betreuer soll den Jugendlichen ermöglicht werden, aufkommende Unzufriedenheit zu äußern und kommunizieren zu können. Diese Unzufriedenheit und problematische Situationen werden gemeinsam lösungs- und handlungsorientiert bearbeitet und entsprechende Vereinbarungen getroffen.
Zu einer möglichst objektiven Betrachtung bestehender Probleme können die Jugendlichen eine neutrale Person, z.B. die Koordinatorin für die Erarbeitung einer konstruktiven Lösung hinzuziehen.
Die Jugendlichen haben die Möglichkeit, Beschwerden und Unzufriedenheiten in schriftlicher Form oder telefonisch, unter Ausschluss der Betreuer, an die Koordinatorin, das Jugendamt, den Vormund oder an die Eltern zu richten.
Die Projektstelle wird regelmäßig von der Koordinatorin besucht. Sie schafft ein Vertrauensverhältnis für die Jugendlichen als unabhängige Ansprechpartnerin auch außerhalb der Projektstelle und steht den Jugendlichen für Wünsche und Befindlichkeiten in vertrauensvollen Einzelgesprächen offen.
Ein transparenter Austausch mit dem/der zuständigen SachbearbeiterIn des Jugendamtes ist selbstverständlich.

Partizipation

Die Heranwachsenden werden über ihre Beteiligungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten informiert, sie können diese aktiv ausüben.
Im Sinne der Partizipation werden die Jugendlichen und deren gesetzliche Vertreter mit Beginn der Betreuung nach ihren Zielvorstellungen und Wünschen befragt.
Diese fließen in die Hilfeplanbesprechung und Fortschreibung mit ein. Die im Hilfeplangespräch vereinbarten Ziele werden nach Erhalt des Ergebnisprotokolls allen Beteiligten, einschließlich der Jugendlichen, zur Verfügung gestellt und mit ihren Betreuern zur Umsetzung im Betreuungsalltag nachbesprochen. Die Prozessverantwortung bleibt dabei bei den Betreuern.
Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit besteht darin, Ereignisse, Vorhaben und Entscheidungen, welche die Jugendlichen betreffen, mit ihnen zu besprechen und sie zu beteiligen.
Die Jugendlichen werden aufgefordert und motiviert, demokratisches Denken und Handeln zu erfahren. Durch das Mitreden, Mitgestalten und Mitbestimmen erlernen sie, aktiv Verantwortung zu übernehmen. Die Jugendlichen können jederzeit Kritik äußern oder ihre Wünsche z.B. hinsichtlich der Freizeitgestaltung anbringen.

Qualitätssicherung

Die Qualität der Betreuung ist durch die Erstellung und Überprüfung eines Erziehungsplans sowie regelmäßig stattfindende Hilfeplangespräche gewährleistet. Die Jugendlichen werden u.a. aktiv an der Vorbereitung und Durchführung der Hilfeplangespräche beteiligt.
Den Jugendlichen wird die Möglichkeit gegeben (wie unter „Beschwerdemanagement“ erwähnt), sich angemessen kritisch bei Betreuern, Koordinatorin, Träger und Jugendamt über ihre Maßnahme zu äußern. Hierzu stehen Telefon/ Internet/ Postweg zur Verfügung.
Es werden Besuche der Koordinatorin (Dipl. Sozialarbeiterin) durchgeführt, zusätzlich findet ein Austausch via Telefon und Email statt. Sie bietet durch Gespräche eine fachlich unterstützende Begleitung an.
Es werden Dokumentationen vom Betreuungsverlauf und wichtigen Ereignissen schriftlich festgehalten. Der Austausch mit dem zuständigen Jugendamt ist wichtig und selbstverständlich.

Stand: Mai 2018