Betreuungsstellen - Erlebnispädagogik

Individualpädagogisches Reiseprojekt Jakobsweg für Mädchen

Neue Wege einschlagen – Der Jakobsweg als Raum für Wandel
Ein intensives individualpädagogisches Reiseprojekt für Mädchen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren, die ihre momentane Lebenssituation nicht mehr bewältigen können und/oder einen Wechsel bzw. Übergang zu vollziehen haben. Hierin besteht die Chance einer Klärung und Veränderung.

Krise als Chance nutzen
Krisen sind in einem optimistischen Weltbild ein wichtiger Auslöser, um alte und gewohnte Verhaltensmuster tiefgründig zu hinterfragen und Lösungsansätze zu erarbeiten, die zu nachhaltigen positiven Veränderungen führen. Negative Verhaltensmuster sind oft Symptomatik einer nicht aufgearbeiteten von traumatischen Erlebnissen geprägten Biographie. Bisherige Strategien emotionale und seelische Verletzungen zu kompensieren funktionieren nicht mehr, sollten hinterfragt und konstruktiv verändert werden. Für derartige Veränderungen können Schutzräume und authentische Erfahrungen hilfreich sein, die über das Gewohnte hinausgehen, z.B. indem die Jugendliche abseits ihres gewohnten Alltags und der Einflüsse ihres sozialen Umfeldes mit sich und ihren Themen konfrontiert wird. Auf einer Reise begibt sie sich in einen Erlebnisraum, in dem sie unbekannt ist, abseits von den eingenommen Rollen, dem Druck, Regeln des gewohnten Alltags und den Menschen in der Heimat. In dieser Anonymität kann sie sich unbelastet und unverkrampft bewegen, so erhält sie die Möglichkeit, sich neu auszuprobieren und teils neu zu „erfinden“. Es brauch dabei Entschleunigung und verlässliche Strukturen, um eigene neue Erfahrungen machen zu können. Ihr steht dabei eine loyale Betreuerin zur Seite, die die Prozesse kompetent und adäquat begleitet.
Ein kraftvoller Ort für die geplante Unterstützung kann ein Pilgerweg sein. Dieser ist ein Raum, der seit Jahrhunderten Menschen aus allen Kulturen und Ländern anzieht, die sich auf den inneren Weg zu sich Selbst machen und sich wieder neu entdecken und kennenlernen wollen. Der Kontakt zu den Menschen und der Natur auf dem Weg bietet die Möglichkeit, sich negativen Verhaltensmustern bewusst zu werden, um dann nach neuen Wegen und Lösungsansätzen zu suchen. So kann die Jugendliche soziale Kompetenzen erweitern, Zugehörigkeit in das große Ganze empfinden und dabei ihre Identität neu finden.
Wichtig zu Beginn ist zu klären: Will die Heranwachsende sich und ihr Leben wirklich verändern? Die Freiwilligkeit und ein seriöser Auftrag der Jugendlichen ist Grundvoraussetzung.

Vorbereitung und Ablauf der Reise
Der Jakobsweg startet in Sant-Jean-Piet-de-Port (Frankreich) und verläuft 800 km durch das Landesinnere von Spanien nach Santiago de Compostela oder wahlweise 900 km nach Finisterre. Hierfür benötigt man zwischen 6-8 Wochen. Diese Zeit ist wichtig, um wirklich tief und nachhaltig in die Prozesse einzutauchen. Die gesamte Reise ist als ein Prozess zu verstehen, die je nach Bedarf angepasst, komplett verändert oder auch, wenn als sinnvoll erachtet, beendet werden kann.
Bereits in der Planungsphase übernimmt die Jugendliche Verantwortung für ihr eigenes Handeln, da alle Entscheidungen Einfluss auf das spätere Vorankommen haben. Hierzu zählen die Reiseplanung bis nach Frankreich, Etappenplanung, Ausrüstung, Zeit, Budget, Selbstversorgung, Dokumentation, gemeinsame persönliche Regeln und Grenzen sowie ein Notfallplan. Hier werden auch Absicht, Zweck und Ziel der Pilgerreise für eine klare Auftragsklärung gemeinsam erarbeitet.
Der strukturierte Alltag des Zweierteams (Jugendliche und Betreuerin) vor Ort ist vor allem geprägt von Einfachheit und sich auf das Nötigste beschränken. Wenig Gepäck, einfache Unterkünfte, Frühes Aufstehen, Gehen (bis zu 25 km am Tag), meist in der Natur, Zubereitung der Mahlzeiten und tägliche Hygiene bestimmen die Struktur auf dem Pilgerweg.

Absicht und anvisiertes Ziel
Das Unterwegssein im Zweierteam spielt eine große Rolle, damit die Betreuerin die Jugendliche achtsam auf Grundlage des Verstehens und der Wertschätzung begleiten kann. Zu Beginn steht somit ganz klar der Beziehungsaufbau und das Kennenlernen im Vordergrund.
Durch eigene Erfahrungen der Betreuerin in der Einzelfallhilfe mit Mädchen, der Ausbildung als erlebnispädagogische Prozessbegleiterin in der Natur, verknüpft mit eigenen Reise- und Pilgererfahrungen, hat die Jugendliche eine Frau an ihrer Seite, die Vorbildcharakter haben kann, Projektionsfläche bietet und erlebtes spiegelt. Ihre Haltung ist geprägt von Achtsamkeit, Wertschätzung, Akzeptanz und Authentizität. Für die Mädchen in dem Alter ist es wichtig, positive erwachsene Rollenbilder direkt erleben zu können. So kann eine Jugendliche, die derzeit nicht in der Lage wäre, ihre Lebenssituation zu bewältigen, begleitet und unterstützt werden.
Das gemeinsame Meistern der Auseinandersetzung mit den täglichen Herausforderungen ermöglicht die Kultivierung von Vertrauen. Dieses kann nicht erlernt, sondern nur erfahren werden. Im Mittelpunkt der Reise steht die Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie und das Finden eines sensiblen Umgangs damit. Die wiederkehrende Erschöpfung nach einem langen Tag und eventuelle Frustration zu erleben kann Prozesse hervorrufen, die geprägt sind von tiefsitzenden Gefühlen, Bildern und Mustern.
Durch die gelebte Selbstüberwindung und die neuen Impulse lernt die Jugendliche, auf sich selbst und in ihre eigenen Fähigkeiten zu vertrauen; Vertrauen, welches die Jugendlichen oft verloren haben oder nie wirklich entwickeln konnten. Diese Art des Urvertrauen ist die Basis für Selbstliebe, Selbstbewusstsein und Selbstakzeptanz.
Im Laufe des Unterwegsseins wird man sich den Fragen nach den Lebensvisionen und dem Transfer der Erfahrungen in das Herkunftssystem nähern. Um diese Annäherung an die eigene mögliche Zukunft zu unterstützen, soll die Jugendliche ein Reisetagebuch führen, in dem sie ihre Erfahrungen, aber auch ihre Erwartungen dokumentiert.
Die Rückführung und Reintegration und die weitere fachliche Betreuung der Jugendlichen hängt schließlich sowohl von den Ergebnissen der Pilgerreise als auch vom Entwicklungsstand des Herkunftssystems ab. Dies gilt es individuell und den Ansprüchen aller Beteiligten entsprechend zu berücksichtigen.

Ausschlusskriterien

  • akute Suchtproblematik
  • psychiatrische Indikationen, bei denen ein hohes Aggressionspotential sowie suizidale Tendenzen bekannt sind

Qualitätssicherung/Begleitung durch den Träger
Das Reiseprojekt wird von der Koordinatorin bzw. dem Koordinator des Trägers begleitet/besucht.
Die Koordinatorin/ der Koordinator gibt den Kindern und Jugendlichen Raum und Zeit Nöte, Ängste oder Sorgen mitzuteilen. Der Betreuerin steht die Koordination beratend zur Seite. In Krisensituationen ist die Koordination jederzeit verfügbar, um vermittelnd tätig zu sein. Zur Qualitätssicherung werden monatlich, alle Ereignisse schriftlich in Form einer Memo festgehalten und an die Koordination weitergeleitet. Es wird von der Betreuerin ein Abschlussbericht der Kinder und Jugendlichen verfasst und dem belegendem Jugendamt vorgelegt.
Die Betreuerin nimmt regelmäßig an Fortbildungen, abgestimmt auf die spezifischen Anforderungen der jeweilig aufgenommenen jungen Menschen und an Supervisionen teil, um die Qualität der Arbeit stetig verbessern zu können.

Stand April 2019