Betreuungsstellen - Inlandsmaßnahmen



Individualpädagogische Betreungsstelle Solingen

Zielgruppe

Die Betreuungsstelle in Solingen ist ausgerichtet auf bis zu drei männliche Kinder und Jugendliche, im Alter ab 12 Jahren, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr in ihrer eigenen Familie leben können. An junge Menschen, die prägende Erfahrungen von elterlicher Gewalt und Sucht, Vernachlässigung und Traumatisierung machen mussten, richtet sich das Angebot ebenso, wie an unbegleitet einreisende, minderjährige Flüchtlinge.
Mit dem multikulturellen Hintergrund der individualpädagogischen Betreuungsstelle finden die Kinder und Jugendlichen ein neues Zuhause auf Zeit. Unter Berücksichtigung ihrer persönlichen Bedürfnisse lernen sie soziale Strukturen und Regeln kennen.

Die Besonderheit dieses Betreuungsangebotes liegt darin, dass die Kommunikation mehrsprachig mit den Jugendlichen geführt werden kann. Innerhalb des Betreuungssettings wird neben Deutsch und Englisch, auch Französisch und Lingala gesprochen. Eine Sprachförderung und schulische Nachhilfe wird wöchentlich angeboten.

Schrittweise und zielgerichtet wird der Jugendliche langfristig und altersgerecht auf die Verselbständigung vorbereitet und in der ersten Zeit seines Auszugs, bei Bedarf, weiterhin betreut. Er kann sich jederzeit an die Betreuer wenden und erhält adäquate Unterstützung.

Kinder und Jugendliche, die schwerste Traumata erlitten haben, schwer suchterkrankt oder Auffälligkeiten durch sexuellen Missbrauch anderer aufzeigen, können leider nicht in die Wohngruppe aufgenommen werden.

Standort

Solingen liegt im grünen Städtedreieck im Bergischen Land in Nordrhein-Westfalen und umfasst über 150.000 Einwohner, verschiedenster Herkunft und Kulturen. Das Einfamilien-Reihenhaus liegt in einer verkehrsruhigen Straße in einem Neubaugebiet und ist umgeben von kinderfreundlichen Bewohnern. Oft entstehen auch Freundschafen zwischen den Bewohnern der Betreuungsstelle und den Kindern/Jugendlichen aus der Nachbarschaft. Seit fast 6 Jahren wird hier eine offene und vertrauensvolle Nachbarschaft gelebt.

Vorteile des Wohnens hier sind, dass die Jugendlichen nicht unmittelbar im Zentrum Solingens leben, gleichwohl sind z.B. die Wege (z.T. nur ca 5-10 min.) zu den Grund-, Haupt- und Förderschulen sowie weiterführenden Schulen ebenso gut zu erreichen wie nahegelegene Sportvereine und andere Freizeiteinrichtungen. Solingen bietet eine Vielfalt an kulturellen Einrichtungen (Theater, Kinos, Musikvereine, etc.), Vereinen, Sport- und anderen Freizeitangeboten (Schwimmbäder, Skating-Bahnen, Bowling), welche die Jugendlichen nutzen können und sollen. Ebenso sind die in Solingen praktizierenden Ärzte, Kinderärzte und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten sowie Krankenhäuser (Bethanien, St. Lukas Klinik, Städtisches-Klinikum) auf Grund der relativ zentralen Lage gut erreichbar.

Betreuungssetting

Das Einfamilienhaus hat 120 m² und liegt auf drei Etagen zzgl. einem Keller mit Wäsche- und Trocknerraum. Vom Eingangsbereich geht es in die großräumige Küche, die gleichzeitig auch das Zentrum des Hauses ist, mit großem Esstisch, an dem auch viele andere Aktivitäten stattfinden, als nur die Nahrungsaufnahme. Hier wird gespielt, sich unterhalten oder aber auch die Hausaufgaben erledigt.

Die Küche wird auch gerne zum gemeinsamen Kochen am Wochenende genutzt. Die Jugendlichen kochen z. B. Spezialitäten aus ihrer Heimat, was ihnen das Gefühl von Verbundenheit zu ihrem eigenen Land gibt. Familienähnliche Strukturen sind den Jungen sehr wichtig, was auch mit Ritualen, wie das gemeinsame Tee trinken am Nachmittag, gelebt wird. Unter der Woche wird die Wohngruppe von einer freundlichen Haushaltshilfe unterstützt, die die öffentlichen Räume sauber hält und mittags für und mit den Jugendlichen kocht.

Vom Küchenbereich geht es unmittelbar in den Wohnbereich, der für alle Jungen zugänglich ist. Dort werden auch gerne Filmeabende veranstaltet oder auch an der Konsole gespielt, um vom Alltag abzuschalten. Außerdem gibt es dort einen Standboxsack, um überschüssige Energien abzubauen. Die Jugendlichen in der Pubertät messen sich gerne körperlich, weil ihnen der Umgang mit Worten schwerfällt. Hier können sie Frust und Ärger abbauen, ohne die anderen Mitbewohner zu verletzen.

In der ersten Etage befinden sich zwei Räume für die Jugendlichen. Jeder Jugendliche hat sein eigenes Reich und kann hinter sich die Türe schließen und für sich sein. Auf dieser Ebene befindet sich auch das gemeinsame Bad der Jungen. Die Zimmer sind ausgestattet mit Bett, Kleiderschrank und Schreibtisch. Die Jungen sind frei in ihrer Raumgestaltung oder können sich bei dieser mit einbringen. Dazu gehört auch ein Teil der Hausarbeit. Jeder Mitbewohner wäscht, trocknet und legt seine Wäsche selbst zusammen, nachdem es ihm zu Beginn des Einzugs altersgerecht gezeigt wurde. In der zweiten Etage sind zwei noch mehr Räume. Neben einem weiteren Zimmer für einen jungen Menschen, befindet sich hier der Privatbereich des innewohnenden Betreuers.

Der innewohnende, leitende Erzieher wohnt dauerhaft mit den jungen Menschen unter einem Dach in einem separaten Zimmer mit eigenem Bad in der zweiten Etage des Hauses. Durch seinen eigenen Migrationshintergrund ist er besonders geeignet in der Betreuung unbegleitet einreisender, minderjähriger Flüchtlinge. Seine unvoreingenommene Art, lässt die Kinder und Jugendlichen eine schnelle vertrauensvolle Bindung zu ihm aufbauen. Die jungen Menschen entwickeln schnell ein Gefühl von „Zuhause sein“, können sie selbst sein und sich frei entfalten.

Die Ehefrau und die 8-jährige Tochter des leitenden Erziehers, nehmen nach Möglichkeit an den Wochenenden von Freitag bis Sonntag aktiv am Leben der Betreuungsstelle teil. Ehefrau und Tochter haben ihren Lebensmittelpunkt in Mülheim/Ruhr, während der innewohnende Erzieher seinen Lebensmittelpunkt in Solingen hat. Der leitende Erzieher verbringt, je nach Situation, 6-8 Nächte pro Monat außer Haus und wird in dieser Zeit durch einen zweiten erfahrenen Erzieher vertreten. Darüber hinaus ist der zweite Erzieher an 2 Nachmittagen pro Woche fest eingebunden und nimmt obligatorisch jeden Freitag an der Gruppenratssitzung teil. Er arbeitet aktiv an der Umsetzung der individuellen Ziele für die jeweiligen jungen Menschen mit und schafft Freiräume für den innewohnenden Erzieher.

Betreuungsziele/Methoden

Die Jugendlichen leben in einer familienähnlichen Struktur und werden in alle Gegebenheiten mit eingebunden. Ob Familienbesuche, gemeinsame Urlaube oder Freizeitaktivitäten, aber auch Pflichten, wie regelmäßige Schulbesuche, Zimmer in Ordnung halten und Wäsche waschen sind Bestandteile ihrer Alltagsstruktur.

Durch Motivation, Erfolgserlebnisse und positiver Grundeinstellung der Erzieher, wird jeder Jugendliche auch mit seinen Schwächen angenommen. Mit viel Verständnis und Geduld wird ganzheitlich auf die Jugendlichen eingegangen. In gewissen Rahmen beruht vieles aus Freiwilligkeit. Sollte der Jugendliche Unterstützung benötigen, hat er die Möglichkeit diese auf unterschiedlichen Wegen einzufordern.

Wird erkannt, dass ein kognitives oder motorisches Defizit besteht, wird in dem Tempo mit dem Jungen gearbeitet, das er vorgibt. Die Erzieher nehmen die Vorbildfunktion ein, die den Jungen oft in der eigenen Vergangenheit gefehlt hat. Mit gutem Beispiel voran wird den Kindern und Jugendlichen ein sozialer Umgang vorgelebt. Bei geflohenen Jugendlichen, die einen guten Background hatten, wird der familiäre Zusammenhalt fortgesetzt und gibt ihnen Sicherheit in einer fremden Welt.

Das pädagogische Ziel liegt darin, dass sich der Jugendliche gesellschaftlich integriert, ein zufriedener Mensch wird und seinen Platz im Leben findet. Ein Schulabschluss und eine Ausbildungsstelle im Anschluss der Schulzeit, mit der Folge der Verselbstständigung, wird angestrebt.

Dazu gehört die Förderung des Selbstwertgefühls und des Wertesystems in Bezug auf sich selbst und andere. Die Entwicklung des Verständnisses für andere und den Sinn für Regeln. Mit Stärkung der Sozialkompetenz und mit Steigerung der eigenen Frustrations-toleranz, kann die Integration gelingen.

Der leitende Erzieher hat neben seiner Ausbildung zum staatl. anerk. Erzieher eine Zusatzausbildung zum Coolness- und Antiaggressionstrainer absolviert und wirkt in Konfliktsituationen deeskalierend auf die Jugendlichen. Die Jugendlichen können Konfliktsituationen simulieren und verschiedene Möglichkeiten erlernen, diesen gewaltfrei zu begegnen.

Betreuungsziele im Einzelnen

  • Aufbau einer vertrauensvollen, tragfähigen Beziehung zu den Erziehenden
  • Festigung und Förderung eines positiven, realistischen Selbstwertgefühls und Wertesystems
  • Entwicklung eines Verständnisses für den Sinn von Regeln und Strukturen und deren Einübung
  • Vertrauen in eigene Stärken und Fähigkeiten aufbauen
  • Stärkung der Sozialkompetenz
  • Motivation und Neugier für neue Erfahrungen wecken
  • Förderung von Konzentration, adäquater Wahrnehmung und Ausdauer
  • Frustrationstoleranz steigern
  • Lernen, konstruktiv mit Konflikten und Herausforderungen umzugehen
  • Förderung von Eigenverantwortung und Selbständigkeit, auch im Umgang mit Medien
  • Wenn möglich, die Eltern in die Arbeit einbeziehen
  • Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie
  • Erforderlichenfalls behutsame Aufarbeitung von Traumata und Entwicklung von Bewältigungsstrategien in Zusammenarbeit mit Therapeuten
  • Regelmäßiger Schulbesuch mit dem langfristigen Ziel eines erfolgreichen Ausbildungsabschlusses
  • Vorbereitung auf die Verselbständigung

Elternarbeit

Für die jugendliche Identitätsentwicklung ist gerade in der Pubertät die Aufarbeitung der eigenen Biografie essentiell. In den Aufnahmegesprächen und den weiteren HPG`s wird wenn möglich, die Kooperation mit der Herkunftsfamilie besprochen und vereinbart, so dass diese in wichtige Entscheidungen und die Zukunftsplanung für ihr Kind miteinbezogen wird. Dazu gehört auch die Regelung von Besuchs- und Telefonkontakten. Die Eltern können wertvolle Informationen über die Entwicklung ihres Kindes beitragen und durch eine gelungene Zusammenarbeit die weitere Entwicklung fördern. Dazu können Besuchs- und Telefonkontakte zwischen Eltern und Kindern hilfreich genutzt werden wie auch der niederschwellige Austausch zwischen Eltern und Betreuern. Im Falle unterschiedlicher Vorstellungen oder Konflikten kann die Koordination jederzeit vermitteln und/oder beratend eingeschaltet werden.

Partizipation

Die Kinder und Jugendlichen werden u.a. aktiv an der Vorbereitung und Durchführung der Hilfeplangespräche beteiligt. Genauso werden sie im wöchentlich stattfindenden Gruppenrat in Entscheidungen eingebunden. Konflikte werden gemeinsam gelöst und Planungen für die Wochenenden und Urlaube gemeinsam getroffen. Auch Regeln und Konsequenzen bei Nichteinhalten werden gemeinsam entschieden und verabschiedet. Somit ist jeder mitverantwortlich, dass das gemeinsame Zusammenleben gut funktioniert.

Beschwerdemanagement

Bei den 14-tägig stattfindenden Besuchen des Koordinators haben die Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit der Beschwerde. Sie können auch bei Bedarf und Dringlichkeit telefonischen Kontakt aufnehmen, ohne dass der Erzieher während des Telefonats anwesend ist. Ebenso steht ihnen die Möglichkeit offen, sich schriftlich oder telefonisch an den Koordinator, an das Jugendamt oder den Sorgeberechtigten/Vormund zu wenden.Die jungen Menschen erhalten zu Beginn ihres Einzugs ein Informationsblatt mit ihren Rechten.

Qualitätssicherung

Die Qualität der Arbeit wird sichergestellt durch:

  • 14-tägige Besuche und Beratungsgespräche mit der Koordination
  • Austausch mit dem zuständigen Jugendamt/Entwicklungsberichte/Hilfeplan
  • Kollegiale Supervision bzw. Einzelsupervision
  • Austausch mit anderen Betreuungsstellen von QuoVadis-Jugendhilfe
  • Fortbildungen
  • Dokumentation

Gesetzliche Grundlagen

Das Betreuungsangebot auf den Grundlagen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (SGB VIII, §§ 34 und 41) ist ein Regelplatzangebot mit einem Betreuungsschlüssel von 1:2.

Stand 15.06.2016